Flammschutzmittel HBCD
Ein Artikel von Harry Mühl, Haus & Grund Bruchsal

Nach der EU-Energie-Effizienzrichtlinie aus dem Jahr 2007 soll der Primärenergieverbrauch bis 2020 um 20 Prozent reduziert werden. Der Energieeinsparung bei Gebäuden kommt hier eine tragende Rolle zu. Dabei wird einerseits auf regenerative Energieträger und neue Heizungsanlagen, andererseits auf die Dämmung der Gebäude gesetzt, Stichwort Wärmedämmverbundsystem (WDVS).

Von den eingebauten Dämmmaterialien entfallen auf Polystyrol (Styropor) ca. 82 %, auf Mineralwolle ca. 12 % und auf sonstige Dämmmaterialien ca. 6 %. Die Verwendung ist europaweit regional verschieden. 2014 wurden in der EU ca. 215 bis 230 Mio. Quadratmeter Dämmplatten verbaut. Bis Ende des Produktionsjahres 2014 wurde den Polystyrol-Dämmplatten das Flammschutzmittel HBCD zugesetzt. Nach der europäischen Chemikalienverordnung REACH darf dieses Flammschutzmittel seit 2015 nur noch mit spezieller Zulassung verwendet werden. Die Stockholm-Konvention  sieht ein weltweites Verbot des Flammschutzmittels HBCD vor. Die Europäische Union hat dieses Verbot durch die sogenannte Pop-Verordnung im Februar 2016 umgesetzt. Pop ist das Kürzel für „Persistente organische Schadstoffe“. Nach Auskunft des Umweltbundesamtes gilt das nunmehr verbotene HBCD nicht als akut toxisch, also nicht sofort giftig, gleichwohl als gesundheitsgefährdend. HBCD ist schlecht wasserlöslich und reichert sich an. Bewohner eines mit HBCD-haltigen Dämmplatten gedämmten Hauses müssen bei fachgerechtem Einbau nach derzeitigem Kenntnisstand keine negativen Auswirkungen auf ihre Gesundheit befürchten. Dämmplatten müssen also nicht sofort herausgerissen werden. So das Bundesumweltamt. Im Februar 2016 trat aber eine neue Abfallverzeichnisverordnung des Bundesrats mit Wirkung zum 1.10.2016 in Kraft. HBCD-haltige Polystyrol-Dämmstoffe gelten seither als gefährlicher Abfall, sprich Sondermüll. Dies hat folgende Konsequenzen: 


1. Die alten Dämmplatten sind gesondert zu erfassen. 

2. Die alten Dämmplatten müssen gesondert transportiert werden (kein Mischmülltransport bei Abriss von Häusern).

3. Die alten Dämmplatten dürfen nicht deponiert werden. 

4. Die alten Dämmplatten dürfen nicht exportiert werden.

5. Die alten Dämmplatten sind gesondert in Müllverbrennungsanlagen zu verbrennen (diese Müllverbrennungsanlagen benötigen hierzu eine besondere Genehmigung).

Viele Müllverbrennungsanlagen nehmen daher diesen Sondermüll nicht mehr an. Es gibt einen Entsorgungsengpass. Derzeit fallen jährlich ca. 10.000 Tonnen an alten Dämmplatten an. Die fachgerechte Entsorgung und Verbrennung kostet bis zu 7.000 Euro je Tonne. Anderer Sondermüll wird dagegen geradezu zu einem Schnäppchenpreis von bis zu 2.000 Euro verbrannt. 

Baubranche und Entsorgungsfirmen plädieren für ein Moratorium und eine vereinfachte Genehmigung der Verbrennungsanlagen. Für den Häuslebauer besonders ärgerlich ist Tatsache, dass der ursprüngliche Preisvorteil bei Einbau der Polystyrol-Dämmplatten gegenüber anderen Dämmstoffen nunmehr bei der Entsorgung nicht nur aufgezehrt wird, sondern sich als Draufleggeschäft herausstellt.

Gestern gefördert, heute Sondermüll

Bedauerlich auch, dass die öffentliche Hand jahrelang den Einbau von Dämmplatten fordert und gefördert hat, die nunmehr als Sondermüll zu behandeln sind. Neue Polystyrol-Dämmstoffe enthalten kein HBCD mehr. Alternative Dämm-Materialien sind Mineralwolle, Schaumglas, Blähton oder Dämmstoffe auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen.

Brandgefahr bei gedämmten Fassaden

Das meist verwandte Dämmmaterial Polystyrol ist brennbar und wird von den Herstellern von Haus aus mit einem Flammschutzmittel versehen. Gleichwohl beobachteten bundesweit die Brandmeister der Feuerwehren bei der Löschung von Mehrfamilienhäusern mit Polystyrol-Fassaden-Dämmung, dass die Lösch-arbeiten erschwert waren und Wohngebäude teilweise nicht mehr gerettet werden konnten. Als Ursache wurden Glutnester in den Polystyrol-Dämmplatten ausfindig gemacht, denen schwer beizukommen war und durch die ein ausgebrochenes Feuer sich über die Fassade zu den anderen Stockwerken ausbreitete. In den Jahren 2013 und 2014 wurden darauf vermehrt Forderungen nach einem Verbot von Polystyrol-Dämm-platten für die Fassadendämmung von Mehrfamilienhäusern erhoben. Dies führte dazu, dass sich die Bauministerkonferenz mit diesem Thema beschäftigte. Die Anhörung und Stellungnahmen verschiedener Sachverständiger ergaben, dass Fassaden mit einem Wärmedämmverbundsystem aus Polystyrol in Brand geraten können. Um diese Brandgefahr zu verringern, wurden neue technische Regelungen für den Einbau von Polystyrol-Dämmplatten an den Hausfassaden erlassen:
 

- Ein Brandriegel muss in der Höhe von ca. 1 m ab der Unterkante des Wärme-verbundsystems eingebaut werden.

- Ein zweiter Brandriegel ist in Höhe der Decke des ersten Geschosses einzubauen. 

- Der Einbau von weiteren Brandriegeln ist nach oben hin bei jedem zweiten Stockwerk vorgeschrieben. 

- Lediglich bei Einfamilienhäusern ist der Einbau von Brandriegeln keine Pflicht; eine Anbringung unter der Dachtraufe zum Schutz des Dachstuhls jedoch durchaus empfehlenswert. 

Brandriegel sind mindestens 20 cm hohe breite Streifen aus nicht brennbaren Dämmmaterialien. Diese müssen verdübelt und dürfen nicht geklebt werden, da sich der Brand sonst über den Klebstoff weiter verbreiten könnte. Ergänzend gilt, dass Mülltonnen, Kaminholz und andere brennbaren Materialien einen Abstand von mindestens 5 m zur Fassade haben sollen. Dieser Abstand gilt auch für die Errichtung von Carports und das Abstellen von Fahrzeugen. Unabhängig davon ist darauf zu achten, dass Risse und Löcher im Verputz, welche die Dämmplatten freilegen, sofort wieder geschlossen werden.

Eine Nachrüstung bestehender Fassadendämmungen mit Brandriegeln ist sinnvoll, vor allem , wenn die oben genannten Abstände vor Ort nicht eingehalten werden können. Bei Neubauten und bei der erstmaligen Anbringung eines Wärmedämmverbundsystems ist zu überlegen, ob nicht gleich nicht brennbare Materialien eingebaut werden. Diese sind aber in der Regel merklich teurer. 

Ein Artikel von Harry Mühl, Haus & Grund Bruchsal

Dämmplatten aus Polystyrol, die jahrelang von der Politik gefordert und gefördert wurden, dürfen nur noch als Sondermüll unter Einhaltung spezieller Auflagen entsorgt werden. Bildquelle: LBS